Kaaba fit. Das Echo der Urheberrechts-Debattierkultur des Jahres 2006.

I

Um die Rhetorik aktueller Debatten zu verstehen, hilft es manchmal, etwas quer zu lesen. Beispielsweise quer zur Aktualität. Heute stieß ich eher zufällig auf einem Artikel der ziemlich exakt vor fünf Jahren im Feuilleton der Frankfurter Rundschau erschien und der einige Stimmen zum dereinst neuen Paragraphen 52b des Urheberrechtsgesetzes sammelt. (Christoph Schröder: Legalisierte Grauzone.Das neue Urheberrecht erschüttert die Wissenschaftsverlage. In. Frankfurter Rundschau. 14.06.2006, S.16) Damals wie heute schwiegen die internationalen Wissenschaftsverlagsgrößen (jedenfalls werden sie nicht zitiert) und protestieren die deutschen Mittelständler (jedenfalls werden sie viel zitiert). Der Buchmarkt also. Passend zum Thema bemerkte Anfang Mai Roland Reuß im Interview mit der Berliner Zeitung vor dem Hintergrund seines wissenschaftspolitischen Stammthemas Open Access und Enteignung durch die DFG:

„Wenn man die Politik der DFG in den letzten Jahren anschaut, kann man sagen: Die DFG hasst Bücher. Sie will Datenbanken oder PDF-Dateien, am besten in Englisch, was für alle Fächer, bei denen es auch auf die Qualität der sprachlichen Darstellung ankommt, Quatsch ist.“

Debatten leben nun mal von Zuspitzungen, auch wenn sie selbst wieder zum Unsinn werden. Denn die sprachliche Darstellung ist in PDF-Dateien dieselbe, wie den Exemplaren, die von diesen Vorlagen gedruckt werden. Jeder Sinnesmensch liebt selbstverständlich einen gelungen Handsatz. Aber kein Wissenschaftsverlag, sei er so klein und ambitioniert, wird sich einen solchen heute für seine Ausgaben leisten. Zudem missachtet Reuß die Tatsache, dass man auch im Englischen wissenschaftlich sprachlich sehr anspruchsvoll schreiben kann. Ein Blick in einen lepidopterologischen Fachaufsatz Vladimir Nabokovs dürfte dafür ausreichend sein. Auch die meisten Publikationen  geisteswissenschaftlicher Fachkollegen aus der englischsprachigen Welt bewegen sich nicht unbedingt auf einem sprachlich qualitätsarmen Niveau. Datenbanken sind in der Tat wenig zur Abbildung von längeren Texten für die Rezeption geeignet. Aber exzellent, wenn es darum geht, solche nachzuweisen, zu relationieren und für eine spätere Druckausgabe vorzuhalten.

Ob dagegen Institutionen zu Empfindungen wie Hass fähig sind, bleibt eine spannende Fragestellung für die Emotionsforschung. Als Summe der Gefühlslagen ihrer Mitglieder scheint es mir plausibel. Inwiefern die DFG aber tatsächlich aus dem Motiv des Hasses quasi biblioklastisch Buchpublikationen behindert, entzieht sich meiner Wahrnehmung. In der Tat muss man Roland Reuß an einer Stelle ein wenig beipflichten, denn es scheint nicht jeder Würfel, der in der Forschungsgemeinschaft fällt, ganz transparent über die jeweilige Augenzahl hinaus. Die Kaaba, mit deren Durchsichtigkeit er die der Deutschen Forschungsgemeinschaft vergleicht, wird übrigens zweimal im Jahr für eine innere Reinigung mit viel Zamzam geöffnet und geputzt. Reuß' Metapher entwickelt also bei genauerem Nachdenken einiges an Potential. Aber keine nahe Brücke zu dem von ihm unterstellten verstaatlichenden Förderkrieg gegen das wissenschaftliche Buch.

II

Obwohl der Verleger Wulf D. von Lucius in dem 2006-Artikel etwas Ähnliches prophezeite, nämlich ein "staatlich gesteuertes Informationssystem". Dessen Umsetzung, so meinte Alexander Skipis als Vertreter des Börsenvereins, würden besonders dank § 52b UrhG „[v]on 1800 im Börsenverein zusammengeschlossenen Verlagen würden, so seine Rechnung, 700 nicht überleben“. Einen genauen Zeitraum nannte er allerdings nicht. Eigentlich könnte er nach fünf einmal eine erste Bilanz ziehen, aber seine jüngst bei irights.info erschienene Positionierung gegen die Bildungsschranken ist weniger dem Thanatos als der Natalität gewidmet: Statt staatlich gefördertem Todestrieb wird die Möglichkeit größerer privater Investitionen betont und der globale Wettbewerb, in dem Deutschland an Boden verlieren könnte, als Fahne geschwungen:

„Denn ein Zurückdrängen unternehmerischer Initiative und deren Ersatz durch nicht nachhaltige staatliche Publikationsaktivitäten als Folge der Ausweitung von Urheberrechtsschranken würden die Chancen Deutschlands als Bildungs- und Wissenschaftsstandort verschlechtern und wäre fiskalisch nachteilig.“

Auch Christian Sprang fürchtete enorme Umsatzeinbußen für den Buchmarkt, da jede der etwa elftausend Bibliotheken in Deutschland nur noch ein Exemplar kaufen müsste, es dann einscannen könnte und an den Bildschirmen der elektronischen Leseplätzen bereitstellen dürfte. Er „erläutert, dass jede öffentliche Bibliothek jedes jemals veröffentlichte Buch ihren Nutzern in ihren Räumen beliebig oft in digitalisierter Form zugänglich machen darf. Anders gesagt: Künftig soll ein Buch, wenn überhaupt, höchstens nur noch einmal angeschafft werden müssen.“

Für den Lehrbuchmarkt ergäbe sich hieraus möglicherweise dann ein Problem, wenn a) diese nicht gerade kostenarme Nach-Digitalisierung in den Bibliotheken flächenhaft durchgeführt werden würde und b) die Nutzer auch wirklich Lust auf umfängliche Bildschirmlektüre hätten. Beides ist erfahrungsgemäß nicht der Fall.

Volkswirtschaftlich dürfte es obendrein, auch wenn dies nun wie ein Frevel am Kulturgut Buch klingt, wenig ausmachen, ob ein Buch hochpreisig in Staffelung angeschafft oder hochpreisig digitalisiert wird. Für die Verlage natürlich schon und daher ist ihr Kampf auch weitaus nachvollziehbarer als einige Teile der dazugehörigen Argumente. Wenn zukünftig keine Neuauflagen von Lehrbüchern in der traditionellen Form mehr erscheinen, hätte sich denn auch § 52b UrhG wieder erledigt und man kann davon ausgehen, dass dem hochattraktiven Markt der Lehrmaterialien andere Anbieter diese Lücke füllen.

Ob man denen dann Georg Siebecks 2006er arbeitsasketischen Verlegervorwurf „Das neue Urheberrechtist ein Freibrief für die Faulen, sich bei den Fleißigen zu bedienen." entgegenhalten darf, bleibt abzuwarten. Denn auch die Entwicklung digitaler Produkte – obendrein übrigens auch die Entwicklung von Digitalisierungsworkflows – erfordert eine nicht unerhebliche Portion Fleiß.

III

Allerdings erweist sich das damalig zitierte Leitmotto des Aktionsbündnis Urheberrechtfür Bildung und Wissenschaft für einen Totalitarisierungsverdacht zugegeben nicht unanfällig:

„In einer digitalisierten und vernetzten Informationsgesellschaft muss der Zugang zur weltweiten Information für jedermann zu jeder Zeit von jedem Ort für Zwecke der Bildung und Wissenschaftsichergestellt werden!"

Die Normativität des „muss“ ist eben auch eine dieser Zuspitzung, die das argumentative Mauerwerk zwischen den Kontrahenten etwas übermäßig fest verfugen. Schaut man aus der Perspektive 2011 sowohl auf die damals verbreitete Endzeitstimmung wie auch die idealistischen Aufbruchsmanifeste, wundert man sich wirkltich über die damals übliche martialische Wortführung, bei der die Geschütze nicht groß genug sein können:

„Der Börsenverein beurteilt den Paragrafen 52 b als "glatt verfassungswidrig" (Skipis) und hat bereits den Gang vor die höchsten europäischen Gerichte angekündigt.“

Was darauf noch folgen könnte, läge dann in Gottes Hand. Zum Glück ändern sich die Zeiten ja manchmal doch. Heute ist eine solche Debatte eigentlich nur noch ernsthaft mit mehr Erdverbundenheit zu führen. Dass man die jeweiligen Interessen durchsetzen möchte, gehört zum Kern der Sache. Dass man dabei über Zuspitzungen eine gewisse Öffentlichkeit für die eigene Seite zu überzeugen versucht gehört ebenfalls dazu. Man sollte aber genau diese Zielgruppe hinsichtlich ihres Bildungsniveaus in Bezug auf diese Fragestellungen nicht unterschätzen: Wo sie merkt, dass sie mittels überzogener Bedrohungs- und Befreiungsversprechen schlicht als Mittel zum Zweck verführt werden soll, neigt sie dazu, einfach nicht mehr mitzuspielen. Wo sie es nicht merkt, braucht es Instanzen, die es ihr sagen.