Aus der Literatur: Johannes Näder (2010): Open Access.

Rezension zu Johannes Näder (2010) Open Access. Wissenschaftliche Verwertung im Zeitalter von Digitalität und Internet. Dresden: Thelem (Oskar-Walzel-Schriften ; 3), ISBN: 978-3-942411-04-2, 29,80 Euro. (Weitere Informationen zum Titel beim Verlag)

von Ben Kaden

Johannes Näder - Open Access. Cover

Man kann sicher auch noch im Jahr 2011 über das Wissenschaftsurheberrecht sprechen, ohne das Thema Open Access zu berühren. Voraussetzungen dafür sind entweder die Fokussierung eines äußerst schmalen Teilgebiets oder eine außergewöhnliche Geschicklichkeit in der Diskursführung. Abgesehen davon kann man dem Thema unmöglich entgehen. Spätestens seit der leidenschaftlichen Popularisierung des Begriffs durch erklärte Gegner (einer bestimmten Form) des Prinzips, wie Roland Reuss oder Uwe Jochum, ist Open Access auch im Wissenschaftsfeuilleton ein Dauergast. Dem aufmerksamen und auf das Gesamtbild bedachten Beobachter des Diskurses fällt auf, dass nicht selten mit einem Kenntnisstand operiert wird, für den der Ausdruck „gefährliches Halbwissen“ kein unangemessener ist. Und dies von Vertretern beider Seiten der Debatte.
 
Johannes Näder ist nicht der erste, der auf die Lücken im Diskurs hinweist. Seine Arbeit ist aber eine der bisher originellsten Auseinandersetzungen mit dem Thema. Ihm kommt dafür, vielleicht ungewollt, zupass, dass er sich diesem zum Zwecke seiner Magisterarbeit näherte. Qualifikationsarbeiten sollen bekanntlich die Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten und strenger Einhaltung wissenschaftlicher Kriterien nachweisen. Da bei dieser Kür mit dem Abschluss etwas Wichtiges auf dem Spiel steht, ist man gut beraten, straff bei dieser Linie zu halten. Nicht jedem mag das gelingen. Johannes Näder meistert diese Übung aber mit Bravour. Das wirkliche Kunststück liegt jedoch darin, dass man die Arbeit auch als gewichtige Monografie zum Thema in die eigene Handbibliothek aufnehmen kann.
 
Sein Ansatz ist der der mediologischen Analyse nach Régis Debray. Ich gehe darauf ausführlich in einer im Schwerpunkt etwas anders ausgerichteten Besprechung des Buches für die Zeitschrift LIBREAS.Library Ideas ein. Im Kontext des Wissenschaftsurheberrechts ist besonders seine „Definitorische Annäherung“ an den Open Access-Begriff interessant, die mit Referenzcharakter die drei maßgeblichen Erklärungen (Budapest, Bethesda und Berlin) zusammenfasst, aus diesen eine „BBB-Definition“ ableitet und auf dieser Basis die neuralgischen Punkte der Kontroversen zum Thema abbildet. Besonders die Diskussion und die Konsequenzen des Unterschieds von gratis und libre erweist sich in der Praxis als etwas, was nicht jeder in der gesamten Reichweite überblickt und präsent hat. Die 5 ½ Seiten sind sicher nicht erschöpfend, aber genau das richtige Maß für einen allgemeinen Einstieg.
 
Die juristischen Aspekte werden bei Johannes Näder in dem für sein mediologisches Exerzitium notwendigen Umfang abgebildet. Das mag manchem Leser knapp erscheinen, aber man sollte berücksichtigen, dass dies eine mit geistes- und nicht rechtswissenschaftlichem Hintergrund verfasste Arbeit ist. Da die wichtigsten Problempunkte, z. B. des mandatory Open Access in einem für die Problematisierung zureichendem Umfang benannt und beschrieben werden, kann gerade in dieser Provenienz ein entscheidender Vorteil liegen: die Schrift bietet sich im Gegensatz zu zahlreichen Publikationen aus der Wissenschaftsadministration bzw. den Naturwissenschaften durchaus als Türöffner für das Konzept an, zumal Johannes Näder die besonderen Publikationsbedingungen der Geisteswissenschaft nüchtern aber verständig aufzeichnet.
 
Johannes Näders mit dem Oskar-Walzel-Preis ausgezeichnete Arbeit bietet nicht nur eine frische und sympathische Annäherung an den Gegenstand, sondern ist zugleich ein gelungenes Handbuch zum Verständnis des Phänomens „Open Access“ als notwendiges Symptom einer Wissenschaftskultur im Übergang von der analogen zur digitalen Kommunikationspraxis.
 
P.S. Aus einer öffentlich einsehbaren E-Mail-Korrespondenz geht hervor, dass der Autor seinen Verlag zu einem delayed access nach 12 Monaten überreden konnte:
 
„Der Verlag stimmt zu, dass der Autor das nichtexklusive Recht behält, das Werk in digitaler Form nach Ablauf von 12 Monaten ab der Erstveröffentlichung > durch den Verlag zeitlich unbeschränkt auf einen öffentlich zugänglichen > akademischen Non-Profit-Server zu legen.“
Obschon nach der Lektüre des Bandes davon auszugehen ist, dass er die vertraglich vereinbarte Regelung auch nutzen wird, ist das Buch, vielleicht vom etwas zu unspezifischen Titel abgesehen, so geraten, dass man es auch vorher erwerben kann, ohne es zu bereuen. 

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Besprechung des Titels in LIBREAS

Eine weitere Besprechung dieses Titels findet sich nun in LIBREAS 18: Erprobung diskursstärkender Mittel. Johannes Näder mediologisiert das Wissenschaftsmilieu .

 

Open Access nun auch Open Access

Der besprochene Titel ist seit 17.03.2015 auch über das Qucosa-Repositorium aufrufbar: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:14-qucosa-160760