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wissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
Axolotl Reifeprüfung. Ein Kommentar zu einer aktuellen Debatte.
„Möglicherweise wird die Rezeptionsgeschichte des Romans nun allerdings auch davon handeln, wie nahtlos der Übergang von Opfer zu Täter sein kann und so einen Reifeprozess gerade in jenem Bereich einläuten, wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht – im Internet.“
So liest man heute morgen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Felicitas von Lovenbergs Überlegung zu den Plagiatsvorwürfen gegen die erst vor zwei Wochen zeitgleich in beinahe jedem Feuilleton mit beeindruckendem Überschwang gefeierte 17jährige Schriftstellerin Helene Hegemann und ihren Roman "Axolotl Roadkill".
Wieso die FAZ-Redakteurin ein Coming of Age des Interneturheberrechts mit dem konkreten Fall verknüpft, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt nachvollziehbar, hat doch ein literarisches Plagiat zunächst wenig mit der Internetkultur zu tun. Oder doch? Die Volte liegt darin, dass von Lovenberg Täter und Opfer in einer besonderen Weise auf einen bestimmten (Sub-)Kulturkreis festlegt. Bei genauerer Ansicht deutet die eigenwillige Täter-Opfer-Verflechtung leider mehr auf großtantiges Nichtverstehen des Sachverhalts hin, denn auf eine neue Präzedenz.
Aber nur so scheint es argumentativ schlüssig, dass zunächst wieder der berühmte Grundfehler dieser Debatten reproduziert wird, der die Infrastruktur „Internet“ mit bestimmten Facetten des Sozialraums „Internet“ vermengt.
Das Spezielle am vorliegenden Ereignis liegt eigentlich nur darin, dass von einem Webautor für eine Buchpublikation plagiiert, oder wie man in jüngeren Kreisen sagt, gebitet wurde. Sonst läuft der in den Leitmedien gern gelesene Vorwurf mehr in die Richtung einer zwar leidenschaftlichen aber dabei leidenschaftlich unkreativen Blogkultur, die sich zu gern und hemmungsarm aus traditionellen Medienprodukten bedient.
Da die abschreibende Helene Hegemann vom Feuilleton erst frisch als literarische Leuchtturmfigur dieser Webgeneration stilisiert wurde, einige Formulierungen (nicht unbedingt Ideen) bei einem Blogliteraten (statt z.B. einer Printausgabe des von ihr verehrten Maurice Blanchot), expliziter als gemeinhin akzeptiert abschrieb, ergibt sich nun die Möglichkeit, eine urheberrechtlichen Unreife der Generation Hegemann auszurufen, die selbst vor verwandten Struktur der Kultur, nämlich der jungen Untergrundliteratur, keinen Respekt hat.
Hat sie aber doch! Jedenfalls schreibt die Autorin in ihrer kurzen Verteidigung doch sehr deutlich darüber . Nur drückt sich ihr Respekt anders aus, nämlich über Vereinnahmung.
Das Pikante der eingangs zitierten Aussage aus der FAZ liegt dahingegen in einer kapriziösen Pauschalisierung: im „nahtlosen Übergang von Opfer zu Täter“, also der Deutung, dass jemand, der bloggt und hier Opfer war, auch Täter sein könnte. Und umgekehrt. Also der Interpretation, dass eine ganze Kohorte potentiell schuldig ist.
Das Gesetz der Chaostheorie
Die Schwierigkeit für Felicitas von Lovenberg ist, dass das quasi eigene Geschöpf – nämlich der Feuilleton-Star Hegemann – eine für die Feuilletonisten unüberschreitbare Grenze übertritt und das Feuilleton selbst von der Feierstunde in einen Widerspruch stürzt, der offenbart, dass man etwas umarmt, was gegen die eigenen Werte arbeitet. Ein Text wie der der FAZ-Redakteurin lässt sich insofern auch als selbstreferentiell lesen: Man kann Helene Hegemann nicht in Grund und Boden stampfen, da sie ja ein stückweit das eigene Produkt ist. Man muss sich aber zu diesem Thema positionieren. Der Schwenk zum allgemeineren Phänomen Internet als einem hoffnungsvollen, aber noch sehr pubertären Raum bietet sich an dieser Stelle als rettendes Gleichnis an, schont die hoffnungsvolle, aber mit dem Reglement literarischer Lauterkeit noch zu wenig vertraute Helene – schon sind wir wieder in der generellen Urheberrechtsdebatte.
Selbstredend dürfte mittlerweile jedem, der ab und an in einem Feuilleton der deutschen Zeitungslandschaft blättert, die bestehende Diskrepanz zwischen dem Möglichkeitsraum des WWW und dem Möglichkeitsraum bestimmter Rechtsvorschriften bekannt sein. Dennoch ist und bleibt das Internet weder ein rechtsfreier noch ein urheberrechtlich chaotischer Raum.
Im Internet herrscht kein urheberrechtliches Chaos, nur informationelle Komplexität. Dazu kommen dann ein paar Lücken an Stellen, die das Urheberrechtsgesetz bisher nicht zureichend berücksichtigt. Und andere Lücken, in denen die Nutzer das Urheberrechtsgesetz nicht unbedingt zureichend nach Wortlaut berücksichtigen. Die Internettechnologie bzw. vielmehr digitale Technologien, wie wir sie kennen, ermöglichen ein schnelles Kopieren und Rekontextualisieren von Informationselementen ohne Qualitätsverlust. Diese Grundeigenschaft des Arbeitswerkzeugs Internet vermag jeder, der es nutzt, zu schätzen.
Das sich in diesem Kontext eröffnende Problem liegt bisher vor allem darin, dass die, wenn man so will, urheberrechtliche Bedienungsanleitung für Internetinhalte für einen ganz anderen Werkzeugkasten geschrieben scheint. Die Anleitung berücksichtigt die Faktoren 1) aufwandsarme Kopie, 2) ohne Qualitätsverlust mit 3) beliebiger Rekontextualisierung so gut wie nicht bzw. wirft punktuell ein paar Bremsklötze in die Nutzungspraxis, die aber langfristig kaum eine Lösung darstellen. Man wird keinen Beobachter der Entwicklung finden, der nicht grundsätzlichen Anpassungsbedarf zwischen Recht und Nutzungsmöglichkeiten sieht. Nur die jeweilige Auffassung dessen, was den Bedarf kennzeichnet, weist z.T. gegensätzliche Züge auf.
Ob allerdings in einem Plagiatsfall die Sharing-Kultur, der ja gern per se und meist sehr falsch eine grundsätzliche Ablehnung der Idee des Geistigem Eigentums zugeschrieben wird, wirklich so aufklärerisch getroffen wird, wie es sich in der WELT Wieland Freund analog zu seiner Kollegin von Lovenberg erhofft , bleibt fraglich:
„Aber vielleicht ist die "Axolotl"-Affäre auch noch zu etwas gut. Zum Beispiel könnte sie die Sharing-Kultur lehren, dass ein angeblich unzeitgemäßes Urheberrecht nicht den Konzernen, sondern in erster Linie etwas Unbezahlbarem dient: der Gerechtigkeit nämlich.“
Denn das Plagiat und das Web haben zunächst lediglich dahingehend etwas miteinander zu tun, dass der vom Plagiat betroffene Blogger seine Vorwürfe schnell und wirksam und für jeden nachvollziehbar öffentlich kommunizieren konnte. Er hat somit eine Aufmerksamkeit, die ein entsprechender Brief an den Verlag sicherlich kaum erreicht hätte. Der Fall selbst hätte sich aber mit derselben Sachlage genauso gut in der analogen Welt abspielen können.
Generation Pastiche
Der tatsächlich interessantere Aspekt am Casus „Axolotl Roadkill“ liegt entsprechend weniger im Plagiatsfall oder im Urheberrecht selbst, als in der generationalen Kluft im Urheberrechtsverständnis, die in der Helene Hegemanns Verteidigung ihrer Arbeitsweise aufscheint:
„Wenn da die komplette Zeit über reininterpretiert wird, dass das, was ich geschrieben habe, ein Stellvertreterroman für die Nullerjahre ist, muss auch anerkannt werden, dass der Entstehungsprozess mit diesem Jahrzehnt und den Vorgehensweisen dieses Jahrzehnts zu tun hat, also mit der Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation.“
Von einer konservativen Warte gesehen könnte man hierin die mehr oder weniger elaborierte Apologie einer „Ist mir doch egal!“-Einstellung und mehr oder weniger moralischer Verwahrlosung lesen, die der Generation Z innewohnt. Felicitas von Lovenberg und Wieland Freund gehen mit ihren kathartischen Mutmaßungen in diese Richtung. Für sie sind das Internet und seine tauschaffinen Nutzergruppen und auch Helene Hegemann ein adoleszentes Gebilde, welches es an ein tradiertes Rechtverständnis heranzuführen gilt, in dem sich unmoralische Zugriffe auf die Ausdrücke geistiger Arbeit aus verinnerlichten Gründen verbieten. Dem steht eine Nutzergeneration gegenüber, die postmoderne und poststrukturalistische Erklärungsmodelle der Welt nicht nur als akademisches Gedankenspiel begreift, sondern als Lebensstil praktiziert.
Wenn Helene Hegemann einen Schlüsseltext verfasst hat, dann mit ihrer Apologie, denn selten liest man die Position der so genannten Digital Natives und ihren Aufstand gegen die Lebensmodelle der Vätergeneration, für die auch die Feuilletonkultur steht, derart auf den Punkt gebracht. Endlich jemand, der radikal und rücksichtslos seine Generation einfordert, freuen sich FAZ und WELT, etc. angesichts des Buches.
Mach ich, schreibt eine Helene Hegemann, und zwar konsequenter als ihr es euch wünscht, nämlich „total schonungslos“. Als Möglichkeitsraum befindet sich das WWW eindeutig auf Seiten der schonungslosen Zitat- und Remixkultur. Als Rechtsraum und mit dem Ziel einer ökonomisch nutzbaren Sphäre versucht man die Möglichkeiten prinzipiell zu regulieren. Beides gelingt bisher nur bedingt. Angesichts der zahlreichen Lücken und Unklarheiten des Urheberrechts in Hinblick auf die Digitalität, die Schwächen also, die weniger als Resultate des Verhaltens denn als strukturinhärent erscheinen, fragt sich mancher Betrachter allerdings schon, ob nicht eher das Urheberrecht selbst die Reifung durchmachen muss.
Es kommt am Ende darauf an, ob man sich der Reife aus obstbäuerischer oder ontogenetischer Perspektive nähert. Während letzteres meint, dass etwas fruchtbar wird, bedeutet ersteres schlicht: Zum Pflücken und Verzehr geeignet.
Das Grundproblem liegt also darin, die Balance zwischen einer unkontrollierten Reproduktion mit allen Vor- und Nachteilen, an der alle entweder als Kreateure, Remixer oder Distributoren recht hemmungslos mitwirken und einem kultivierten und eher konsumorientierten Obsthandeln zu finden.
Beide Perspektiven verteidigen ihre gewohnte Lebenswelt und ihr Normverständnis. Dass müssen sie tun und zwar auch erbittert, denn so funktioniert nun mal die Interessenkoordination in der Kompromissgesellschaft.
Allerdings sollten die Obstanbieter nicht davon ausgehen, dass eine 17-jährige iEva, der man den Apfel hinhält, nicht mit der ihr eigenen und von den Anbietern selbst bejubelten Chuzpe das Verwertungsparadies erschüttert und zu übergehen versucht. Es ist auch in all den Ambivalenzen nur konsequent.
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