Das Edukt zum Edikt: Schwedische Wissenschaftler reagieren auf OA-Vorgaben des Vetenskaprådet

Die FAZ hat heute in ihrem Teil „Forschung und Lehre" einen weiteren Artikel zum Thema Open Access. (Kaube, Jürgen: Chemiker über die Nachteile des „Open Access“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.12.2010, S. N5)

Darin berichtet Jürgen Kaube über den Widerstand schwedischer Chemiker gegen Open-Access-Mandate, die wohl ab 2011 (präziser informiert der Artikel nicht) für durch den Schwedischen Wissenschaftsrat (Vetenskaprådet) geförderte Forschung obligatorisch wird (mehr dazu hier). Die Gründe des Protestes liegen primär nicht etwa in der Abneigung gegenüber Open Access, sondern a) in einem Mangel an adäquaten Open-Access-Zeitschriften, b) den Kosten eines Author-Pays-Modells und c) in den restriktiven Verlagsverträgen:

Die dritte Möglichkeit sei das Anlegen eigener Archive im Internet. Die großen Wissenschaftsverlage aber erlaubten dieses parallele Publizieren von Beiträgen, die in ihren Zeitschriften abgedruckt sind, nicht; weder als pre-print (Vorabdruck), noch als post-print (Nachabdruck)."

Allerdings geht es bei den Vorgaben des Vetenskapsrådet nicht um eine zeitgleiche Parallelpublikation, sondern um ein Zurverfügungstellen nach einer Embargofrist von sechs Monaten. Und das ist dann entweder Verhandlungssache mit den Verlagen oder Befeuerung für die Debatte um ein Zweitveröffentlichungsrecht. Denn selbst wenn der Autor nicht per Mandat gezwungen ist, seinen Beitrag in das Repositorium beispielsweise seiner Universität hochzuladen, wäre es für ihn vermutlich nicht beunruhigend, wenn er wüsste, dass er es könnte. 

Die Frage nach dem Sinn eines allgemeinen Zugangs zu den Ergebnissen spezialisierter Forschung, die hier mit eingemengt wird, ist von den praktischen Folgewirkungen dahingehend besser zu trennen. Wenn das Leben einer Disziplin nicht an diesem Faden hängt, ist es in der Tat nicht immer leicht, einen Grund für den zweifellos mit Mehraufwand verbundenen Schritt zu finden. Es ist aber (abgesehen vom Aufwand) ebenso schwer einen Grund zu finden, der gegen eine freie Zweitveröffentlichung unter den vorliegenden Bedingungen spricht. Was die Kosten anbelangt, wird die Regelung der Wissenschaftsorganisation entsprechende Aufwendungen hoffentlich bei der Mittelvergabe berücksichtigen.

Das Argument, dass man in Schweden dank einer weitreichenden kostenlosen Bibliotheksnutzung die entsprechenden Publikationen auch ohne Open Access lesen könnte, ist angesichts der prinzipiell internationalen Ausrichtung von Wissenschaft im Jahr 2010 wenig hilfreich. Im Gegenteil dazu spricht der globale Charakter der Wissenschaft gerade für Open Access – und wenn es in Hinblick der Überwindung des so genannten Knowledge Gap zwischen vorbildlichen Bibliotheksnationen wie der Schwedischen und den weniger Privilegierten praktiziert wird. Abgesehen davon geht es nicht nur um 50 Spezialisten (Jürgen Kaube schreibt von „von den Verlagen gewährten kostenlosen fünfzig Kopien") sondern um einige tausend Studierende und Doktoranden, deren Wissensstand nicht zwingend daran leidet, wenn sie die Berichte von der Forschungsfront über ihr Smartphone auf der Heimfahrt von der Universität lesen. 

Ansonsten fällt am Bericht in der FAZ (und damit vermutlich auch an der Protestnote) auf, dass zur herkömmlichen Organisation der Wissenschaftskommunikation über Zeitschriften aus großen Wissenschaftsverlagen keine Alternative gedacht bzw. als denkbar angesehen wird.

Vielleicht sollten Wissenschaftsorganisationen wie der Vetenskaprådet – sofern sie es noch nicht tun – anfangen, die alte Tradition der Akademie-Journale oder ähnlicher Formen zu reanimieren, die die Chemiker und andere Wissenschaftler zwischen der Skylla von möglicherweise obskuren Open-Access-Journalen, die  „zumeist in Ländern wie Slowenien, Rumänien oder Indonesien" beheimatet sind, und der Charybdis der teilweise tatsächlich erstaunlich hohen Author-Pays-Gebühren hindurchschleusen könnten.

Auch wenn zu befürchten ist, dass dann wieder das rhetorische Windrad einer Staatswissenschaft" und dem Verlust der Wissenschaftsfreiheit angeworfen wird: Es ist nicht einleuchtend, warum all das, was eine gute wissenschaftliche Zeitschrift ausmacht (inklusive Peer Review) nicht auch an Akademien oder Universitäten selbst organisiert werden kann. Und zwar sowohl nach dem Open Access-Prinzip wie auch möglicherweise mit einer staatlich regulierten (d.h. gedeckelten) Publikationsgebührenordnung.