Eine Wissenschaftsschranke im WIPO-Urheberrechtsvertrag?

Dieser Beitrag gehört zum Dossier § 52a UrhG - die sogenannte Wissenschaftsschranke.
Erstellt von Ben Kaden am 06.12.2011 - 22:18

Vorbemerkung:

Die im Anschluss diskutierten Regelungen betreffen genaugenommen nur teilweise das Feld, was im deutschen Urheberrechtsgesetz über den § 52a adressiert wird. Denn es handelt sich in diesem Fall ausdrücklich durch eine öffentliche Zugänglichmachung für Unterricht und Forschung durch genau bestimmte Institutionen - nämlich Bibliotheken und Archive. Da bisher bei IUWIS weder ein Dossier zu internationalen Diskussion über Harmonisierung von Urheberrechtsschranken noch zu Urheberrechtsschranken allgemein vorliegt, die Menge der Dossiers aber überschaubar gehalten werden soll, wird die nachfolgende Zusammenfassung zur Diskussion bei der WIPO hier abgelegt. Sollte verstärkter Diskussions- und Dokumentationsbedarf zu diesem Thema auftreten, besteht die Möglichkeit, ein inhaltlich darauf zugeschnittenes Dossier einzurichten.

Anfang Dezember wurde auf der 23sten Sitzung des Standing Committee on Copyright and Related Rights (SCCR) beschlossen, perspektivisch urheberrechtliche Ausnahmeregelungen für Archive und Bibliotheken stärker zu berücksichtigen (vgl. diese IUWIS-Meldung vom 06.12.2011). In den Arbeitspapieren finden sich auch Aussagen mit Bezug zum Urheberrecht für Bildung und Wissenschaft, die an dieser Stelle dokumentiert werden sollen. Bereits im Initialpapier The Case for a Treaty on Exceptions and Limitations for Libraries and Archives: Background Paper by IFLA, ICA, EIFL and INNOVARTE (SCCR/23/3, Eintrag im IUWIS-Infopool) wird die Rolle von Bibliotheken und Archiven für Bildung und Forschung mehrfach betont:

„Libraries and archives are long-established institutions that play a unique role in collecting, preserving and providing access to knowledge. The ability to produce and use knowledge has become a major factor in development and critical to a nation's comparative advantage. Libraries and archives have a major role in helping people meet their work, study, research, and leisure needs. They support important public policy goals such as literacy, education, research, employability, and health awareness. Libraries and arc hives enable and encourage creativity and innovation, a major goal of WIPO. Without adequate access to information, authors and creators would not be able to create new works, innovate and expand local and global knowledge." (SCCR/23/3)

Auch die volkswirtschaftliche Bedeutung sowie die Basis der Informations- und Literaturversorgung für Innovation werden unterstrichen. Neu sind die Einsichten freilich nicht, aber zweifelsohne notwendig für eine klare Arbeitsdefinition der Institutionen Archiv bzw. Bibliothek sowie ihrer Aufgaben. Für die wissenschaftlichen Bibliotheken liest man zutreffend:

„Academic and research libraries are essential for the support of higher education and research. They contain collections in specific academic disciplines, offer students new perspectives, and facilitate innovative research projects." (SCCR/23/3)

Urheberrechtsschranken stützen, so das Papier, diese gesellschaftliche Funktion:

„They enable libraries and archives to preserve their collections, support education and research, lend materials and help people with disabilities exercise their right to access content." (SCCR/23/3)

Neben der wissenschafturheberrechtlichen wird also auch eine prinzipielle informationsethische Dimension bibliothekarischer Informationsversorgung angeführt. Ziel entsprechender Regelungen ist ein Interessenausgleich (copyright balance) zwischen Urhebern und Nutzern. Damit korrespondierende Urheberrechtsschranken finden sich laut einer WIPO-Studie aus dem Jahr 2008 (Study on Copyright Limitations and Exceptions for Libraries and Archives, SCCR/17/2) auf nationaler Ebene jeweils sehr unterschiedlich ausgeprägt, die zudem digitalen Anwendungszusammenhängen kaum gerecht werden. (vgl. SCCR/23/3, S. 3) Gerade in der Wissenschaft sind erhebliche Hürden auch bei der Umsetzung bestehender Schrankenregelungen festzustellen:

„Imposed licences for the provision of digital information such as electronic journals are often used to undermine limitations and exceptions to copyright designed to support education, learning and creativity. In a study of 100 contracts offered to the British Library by commercial vendors, well over ninety percent undermined the public interest as expressed by limitations and exceptions in UK copyright law, particularly as regards fair dealing, archiving and access by the visually impaired."(SCCR/23/3)

 Zusätzlich ermöglicht das Internet prinzipiell einen umfassenden internationalen Austausch von Bibliotheks- und Archivmaterialien, der in bestehenden urheberrechtsgesetzlichen Regelungen bislang gar nicht angedacht ist. Eine internationale Harmonisierung entsprechender Aspekte des Urheberrechts bzw. Copyrights unter dem Dach der WIPO könnten sich hier eine angemessene Lösung darstellen, u.a., wie das Papier ausführt, in Form einer Schranke für den

„Support of education, research, and private study;" (SCCR/23/3)

In Deutschland spräche man vielleicht von einer internationalen Bildungs- und Wissenschaftsschranke.

Eine gewisse Spezifizierung dieser Idee findet sich im ergänzenden Bericht Objectives and Principles for Exceptions and Limitations for Libraries and Archives (SCCR/23/4, Eintrag im IUWIS-Infopool). Auf Seite 3 des Papiers findet sich unter der Überschrift Support for Research and Human Development folgende Erläuterung:

„Objective:
Enable libraries and archives to carry out their public service role of advancing research and knowledge.

Principles:
Libraries and archives advance knowledge by providing access to their collections, which together comprise the cumulative knowledge of the world’s nations and peoples. Libraries and archives are essential to the knowledge economy of the 21st century – supporting research, learning, innovation and creative activity; providing access to diverse collections; and providing information and services to the general public, including disadvantaged communities and vulnerable members of society. Reasonable exceptions and limitations can and should establish the framework enabling libraries and archives to supply copies of certain materials to researchers and other users directly or through intermediary libraries." (SCCR/23/4)

Im Proposal on Limitations and Exceptions for Libraries And Archives (SCCR/23/5, Eintrag im IUWIS-Infopool) findet sich schließlich noch eine Anmerkung, die sich im Zusammenhang mit dem Kopienversand als relevant erweist:

„Reproduction and Distribution of Copies by Libraries and Archives

1. It shall be permitted for a library or archive to reproduce and to distribute a copy of a copyright work, or of material protected by related rights, to a library user, or to another library or archive, for purposes of:

a. education;
b. requests by users for research or private study;
c. interlibrary document supply;

provided that such reproduction and distribution is in accordance with existing international obligations, among them the Berne Convention." (SCCR/23/5)

Auch hier soll die Informations- bzw. Literaturversorgung für Bildungs- und Forschungszwecke durch Bibliotheken und Archive mit einer Schrankenregelung unterstützt werden.

Man merkt bei der Lektüre der Materialien dieser Sitzung selbstverständlich, dass man sich aktuell noch in einer sehr frühen Phase auf dem Weg zu einem möglichen WIPO-Abkommen zu Ausnahmeregelungen für Bibliotheken und Archive befindet. Vieles ist redundant, vieles wird mit einer prinzipiellen Nützlichkeit entsprechender Passus für die geselleschaftliche Entwicklung und die volkswirtschaftliche Prosperität begründet. Aus den Diskussionen um Bildungs- und Wissenschaftsschranken in der nationalen Urheberrechtsgesetzgebung weiß man, wie mühsam der Weg zur Konkretisierung sein wird. Dennoch sendet bereits die Tatsache, dass sich die WIPO bzw. ihr Standing Committee auf die Möglichkeit eines solchen Abkommens einzulassen bereit ist, ein deutliches Signal. Bis Ende Februar 2012 können die Vertreter der WIPO-Mitgliedsländer Anmerkungen, Kommentare und Hinweise zu den bisherigen Materialien einreichen. Im Juli 2012 soll dann ein vorläufiger Bericht als Diskussionsvorlage für die 24ste Sitzung des SCCR erstellt werden. Die Zeit, bis konkrete Regelungen in ein Abkommen einfließen können, ist allerdings sicher in Jahren zu bemessen.

 

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