Open Access als Lückenschluss bei der wissenschaftlichen Informationsversorgung. Eine aktuelle Studie (2011) aus der Impfstoffforschung.

Dieser Beitrag gehört zum Dossier Positionen zu Open Access.
Erstellt von Ben Kaden am 01.12.2011 - 16:57

Den Hintergrund der Open Access-Idee bildet die Zugangsmöglichkeit zu für die wissenschaftliche Arbeit relevante Literatur. Das wird mitunter übersehen. Dabei herrscht in der Wissenschaft rein strukturell bereits ein Zugangszwang: Ein Wissenschaftler muss, so das Ideal, vollständigen und zeitnahen Zugang zu den für seine Forschung relevanten Publikationen haben. Die Gründe In den 1960 Jahren begann man dieses Problem mit großen Nachweisdatenbanken wie MEDLINE zunächst einmal dahingehend anzugehen, dass der Wissenschaftler überhaupt erfuhr, wo welche Forschungsresultate in seinem Themenfeld publiziert wurden. (vgl. Umstätter, 2009, S. 228) Die so genannte Digitale Bibliothek steht hinsichtlich der bibliothekarischen Aufgaben der wissenschaftlichen Informationsversorgung in dieser Tradition. Mit ihr werden die Nachweise der Datenbanken idealerweise mit den Volltexten der Bestände bzw. zunehmend lizenzierten Inhalte vermittelt.

Drei Wissenschaftler aus der Forschungscommunity um die HIV-Impfstoffentwicklung prüften nun aktuell, inwieweit diese Informationsversorgung sowohl durch die Bibliotheken wie auch insgesamt funktioniert. (Voronin et al., 2011) Die Bibliothek übernimmt dabei u.a. die Aufgaben, die relevante Zeitschriftenliteratur zugänglich zu machen. Die finanzielle Ausstattung spielt dabei naturgemäß eine entscheidende Rolle, denn ca. 80 % der aktuellen Literatur und 67 % der zitierten, also älteren Literatur, des Samples sind nur über Abonnements zugänglich. Dabei mussten die Autoren feststellen, dass eine Vollversorgung selbst in anscheinend mit üppigen Budgets ausgestatteten Häusern nicht gelingt:

„We first looked at literature access at Rockefeller University. Rockefeller University has a very active research program, including several laboratories working on HIV, and maintains an extensive library. Interestingly, despite an annual subscription budget of approximately one million dollars, the university still does not have access to all the articles in our datasets. In both “recent” and “cited” sets, only 80–85% of papers requiring subscription were accessible through the Rockefeller University library website. This observation is a vivid illustration of the “serials crisis” affecting even well funded academic libraries.”

Dank des HINARI-Projektes der WHO (http://www.who.int/hinari/en/) ist die Situation bei der Literaturversorgung im sub-saharischen Raum nur wenig schlechter. Die südafrikanischen Wissenschaftler haben dagegen, da Südafrika nicht über HINARI versorgt wird, weitaus eingeschränktere Bedingungen. In anderen Weltregionen (Russland, Thailand werden als Beispiele) unterscheidet sich die Literaturversorgung von Institution zu Institution zum Teil erheblich.

Eine Kompensationsmöglichkeit ist in den Wissenschaftsgemeinschaften die direkte Kontaktaufnahme mit dem jeweiligen Autor und der Bitte um Reprints. Auch diese Variante wurde geprüft. In immerhin 55-60 % der Prüffälle konnte so Literatur beschafft werden, wenn auch, wie die Autoren bemerken, mit teilweise erheblichen zeitlichen Verzögerungen.

Eine Alternative dazu bietet nun schließlich die Zweitveröffentlichung von Publikationen nach dem Grünen Weg (Green Road) beispielsweise in Open-Access-Repositorien. Erstaunlicherweise nutzen in der untersuchten Fach-Community trotz eines festgestellten weitgehenden Einverständnis der Zeitschriften gerade einmal 2,5 % der Wissenschaftler diesen Weg.

Sie schlussfolgern daher:

„Increasing the number of self-archived articles will depend on stronger institutional mandates requiring researchers to make their findings available, and on informing scientists of this opportunity as some may be unaware that it is allowed under contracts with many journals.” (Voronin, et al., 2011)

Sie sprechen sich dabei für eine intensive Nutzung der Software-Lösung E-Prints (www.eprints.org) aus, die u.a. den Prozess des Abrufs von Pre- oder Postprints zwischen Peers vereinfacht:

„The software also simplifies the process of obtaining reprints from authors by providing an automated request to which the author can reply with a single click of a mouse.”

Als Erkenntnis bleibt in diesem Fall, dass Open Access-Verfahren als Zugangslösung zu aktueller Literatur durchaus als geeignet eingeschätzt wird, in der Community um die HIV-Impfstoffforschung jedoch bisher wenig verankert ist. Die Notwendigkeit Zugangslücken, die jenseits der Literaturversorgung durch die Bibliotheken bzw. von Förderprogrammen wie HINARI gegeben sind, auf möglichst einfachem Weg zielgerichtet und schnell schließen zu können, ist gerade auf einem Feld wie der Impfstoffentwicklung außerordentlich pressierend. Die Ergebnisse der Studie sind dabei für all diejenigen, die in Wissenschaftscommunities aktiv eingebunden sind, nicht sonderlich überraschend. Sie illustrieren dennoch sehr schön eine konkrete Problemlage, für die Open Access-Verfahren als mögliche Lösung herangezogen werden können.

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Voronin, Yegor; Myrzahmetov; Askar; Bernstein, Alan (2011): Access to Scientific Publications: The Scientist's Perspective. In: PLoS One 6(11): e27868. doi:10.1371/journal.pone.0027868

Umstätter, Walther (2007) Qualitätssicherung in wissenschaftlichen Publikationen. In: Havemann, Frank; Parthey, Heinrich; Umstätter, Walther (Hrsg.): Integrität wissenschaftlicher Publikationen in der Digitalen Bibliothek. Wissenschaftsforschung
Jahrbuch 2007. Berlin: Gesellschaft für Wissenschaftsforschung 2007. Volltext-PDF bei www.parthey.de

Umstätter, Walther (2009) Zwischen Informationsflut und Wissenswachstum : Bibliotheken als Bildungs- und Machtfaktor der modernen Gesellschaft. Berlin: Simon-Verlag

 

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