Aus der Literatur: David Shields (2011): Reality Hunger

Rezension zu: David Shields (2011):Reality Hunger: Ein Manifest. Aus dem Engl. von Andreas Wirthensohn. München: Beck, ISBN: 978-3-406-61361-6. (Weitere Informationen zum Titel auf den Seiten des Verlages)

 
von Ben Kaden
Cover David Shields "Reality Hunger"
 
„The moral truth is that authority is an illusion, and our time has come to let it go.”
 

Mit diesem Satz schließt Lawrence Claus sein Essay zur „Empty Idea of Authority” (University of Illinois Law Review, 2009, 1301-1357). Er formuliert damit nicht nur einen schönen Schlusspunkt zu einem äußerst lesenswerten Aufsatz, sondern zugleich eine Aussage, die David Shields vermutlich nicht nur unterschreiben würde, sondern sogar nahtlos in sein Manifest „Reality Hunger” einfügen könnte. Dabei ist an der Programmschrift genau genommen das Buch weniger interessant als die Idee. Wer den Band einfach nur liest, findet wenig mehr als eine aktuelle Blütenlese mit Zitaten zur Rolle, Autonomie und Produktionspraxis in Kunst und Literatur, deren provokatives Potential und gleichermaßen der erwartbare Erkenntnisgewinn Roland Barthes prägnante Einsicht

„Jede Schöpfung ist notwendigerweise eine Kombinatorik, die Gesellschaft jedoch, an einem alten romantischen Mythos von der „Inspiration“ festhaltend, erträgt nicht, daß man das offen zugibt.“ (Roland Barthes (1971): Sade, Fourier, Loyola, S. 43)

kaum übersteigt. Das Bemerkenswerte an David Shields Arbeit ist, dass er das Spiel mit dem Zitat einerseits bloßlegt (also offen zugibt) und andererseits praktisch umsetzen und auf die Spitze treiben will. Passenderweise findet sich der Anhang, der die Quellen zu den 618 Zitaten nicht gerade wissenschaftlichen Maßstäben entsprechend, aber dem Willen nach doch halbwegs rekonstruierbar verzeichnet, mit einer Schnittkante versehen. Anhand dieser kann man sich orientieren, wenn man Shields Anregung folgen mag:

„Wenn Sie das Buch in der Form haben möchten, in der es eigentlich gelesen werden sollte, dann nehmen Sie einfach eine Schere oder eine Rasierklinge oder ein Teppichmesser und entfernen die Seiten 213 bis 224, indem Sie sie entlang der gepunkteten Linie heraustrennen.“ (S.212)

Nun bleiben „Aneignung und Plagiat sowie die Frage, was diese Begriffe bedeuten“ mehr oder minder deutlich das „zentrale Thema“ von Reality Hunger. Aber den eigentlich geplanten Geniestreich, durch das Fortlassen aller Quellenangaben eine richtungsweisende Selbstbezüglichkeit herzustellen, strichen Random House und auch der deutsche Verlag mit den Teppichmesserlinien aus der Rechnung. Unfreiwillig wird dabei die Ursprungsidee durch eine andere, thematisch nicht unpassende Aussage ersetzt: Die Kunstfreiheit scheitert in diesen Vermarktungsumgebungen nicht selten von vornherein an der Furcht vor Schadenersatzansprüchen. Eine performative Thematisierung von Werkherrschaft und Urheberrechtsverstößen, wie sie David Shields vorschwebt, scheint wenigstens im Mainstream-Segment des Buchmarkts unmöglich.

Während sich das Buch spätestens mit gekappter Pointe im Eindruck des allzu Gezwungenen zu verlieren droht, bleibt die treibende Hauptthese für die Diskussion um das Urheberrecht hoch relevant, bezieht sich der Urheberrechtsschutz doch auf „persönliche geistige Schöpfungen“ (§ 2 UrhG (DE)). Der Begriff der Schöpfung zeigt sich dabei unglücklich unterbestimmt.  Er kann beispielsweise im Sinne des biblischen Schöpfungsmythos das Hervorbringen von etwas aus dem Nichts bedeuten. Oder er lässt sich pragmatisch als die exkludierende Formgebung bestimmter Teile aus einem, wenn man so will, Weltganzen, verstehen. Dass die in digitalen Kommunikationsumgebungen häufig verschwimmenden Werkgrenzen sowie kollaborative und dynamische Arten der Werkgestaltung eine Zuordnung des jeweils „persönlichen geistigen“ Anteils einzelner Akteure zunehmend herausfordern, hilft nicht unbedingt weiter, wo Präzisierung Not tut.

Auf das praktische Kulturschaffen herunter gebrochen, ließe sich eventuell als handliche Arbeitsdefinition festhalten, dass der Urheber aus dem vorgefundenen Material eine ihm eindeutig zuweisbare Repräsentation (z.B. Text) erzeugt, die mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile ergibt und damit also eine objektspezifische Eigenständigkeit besitzt. Allerdings ist unklar, inwieweit eine solche Deutung urheberrechtstheoretisch konsensfähig ist. Und es bleibt für die Rezension gerade dieses Buches zu ergründen, inwieweit es David Shields gelingt, ein additives Tröpchen Originalität aus seiner Zusammenstellung zu wringen.

Die Idee der mitunter großen Wirkung durch kleine Verschiebung ist nicht neu, folgt doch Wissenschaft genau diesem Prinzip und zwingt die gute wissenschaftliche Praxis sogar dazu, dieses Prinzip zu explizieren: Man legt die Einflüsse offen, die einen dazu gebracht haben, das Gran wissenschaftlicher Neuheit durch Schlussfolgerung, Kombination oder Interpretation auszudenken, das das Besondere (die Neuigkeit) der jeweiligen Arbeit ausmacht. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist dabei in der Tat persönlich, d.h. subjektiv, kann aber über die Akzeptanz durch die Gemeinschaft eine Legitimität als allgemeiner Bezugspunkt für neue Erkenntnis erlangen. Die „persönliche geistige Schöpfung“ wird über die Publikation Bestandteil des kulturellen (wenigstens) Kurzzeitgedächtnisses.

David Shields manifestierter Hunger nach Wirklichkeit erfüllt diese Rolle ebenfalls, denn er wird durchaus rege rezipiert. Das Buch selbst ist ein Nukleus, um den sich die Idee dessen, was man Sampling, Remix oder auch Bricolage nennen kann, als Mantel legt. Aus der Populärmusik und diversen Formen der Persiflage ist das Verfahren in jeder Form der Radikalität und Respektlosigkeit bekannt: Gerade eine hoher Anteil an Wiederholung der Werkformen anderer kann ungeahnt originelle Wirkungen hervorbringen, die bisweilen frischer wirken, als so manche, dem ursprünglich voraus gehende, erklärte Ex Nihilio-Kreationen.

Bedauerlicherweise zählt Reality Hunger nicht zu den wirklich bahnbrechenden Remixen. Man erfährt aus dem kunst- und literaturtheoretischen Quasi-Almanach fraglos viel über die Lektürebiografie des Autors, die zwischen Emilie Dickinson, Ezra Pound, Nabokov, viel Montaigne und einer Prise Woody Allen zu verorten ist. Als Fibel für den Ersteinstieg in kunst- und literaturkritisches Denken lässt sich der Band sicher gut nutzen und als Sammlung zum Aufstöbern von Bonmots ist er ebenso geeignet. So ist unter der Ordnungsnummer 588 die offene Frage vermerkt, die bei jedem literarischen Quartett als Trumpf gespielt werden kann:

„Es ist ein Gemeinplatz, dass jedes Buch seine eigene Form finden muss, aber wie viele tun das tatsächlich?“ (S. 204)

Und unter 589

„Wenn du wirkliche, ernsthafte Bücher schreiben willst, musst du bereits sein, die Formen zu zerschlagen.“ (ebd.)

Was die Zertrümmerung einer erstarrten Form angeht, präsentiert sich David Shields jedoch im Vergleich zu den großen Spielern auf diesem Feld (man denke nur an Roland Barthes S/Z) fast enttäuschend bieder. Selbst die posthume Ausgabe von Nabokovs „The Original of Laura“ dekonstruiert mit den heraustrennbaren und neukombinierbaren Karteikartennotizen die Wechselbeziehung zwischen autonomem Autor und in der Nutzung/Lektüre autonom werdenden Werk weitaus überzeugender, als es Shields Exzerpte-Sammlung überhaupt nur anzudeuten vermag. Gelehrte Worte selbstreferentiell nebeneinander zu staffeln und dann die Urheber wegzustreichen bzw., da der Verlag nicht mitspielt, etwas hilflos dazu aufzurufen, den Quellenanhang vor der Lektüre herauszutrennen, führen für dieses Buch vielleicht zu einer eigenen Form. Aber diese Eigenheit ist so unerheblich, dass am Ende über die Zusammenstellung des autoritären Illusionskünstlers Shields tatsächlich nur zu sagen bleibt: „Es ist ein Gemeinplatz.“.