"Das Dickicht der Ministerialbürokratie und Interessenkonflikte". Der Tagesspiegel zu Open Access, Aaron Swartz und dem Dritten Korb
Der Fall des Internetaktivisten Aaron Swartz, der über das MIT-Netzwerk zwischen vier und fünf Millionen Zeitschriftenartikel bei JSTOR auf ein Notebook herunterlud, dem nun unterstellt wird, dass er diese Inhalte über P2P-Netzwerke verbreiten wollte und der daher für eine ganze Palette von Straftatbeständen angeklagt ist, für die bis zu 35 Jahre Haft und bis zu einer Millionen Dollar Strafe drohen, beschäftigt derzeit nicht nur weite Teile der Blogosphäre sondern auch wenigstens teilweise die allgemeine Tagespresse von der New York Times bis zum Berliner Tagesspiegel.
In letzterem unternimmt aktuell Anna Sauerbrey eine interessante Kontextualisierung des Falls im Rahmen der Open-Access-Bewegung. Sie zieht eine Parallele zu den Thesen Lawrence Lessigs über den Gemeingutcharakter des Wissens und damit auch zum Urheberrecht:
"Das Urheberrecht wurde erfunden, um es Menschen zu ermöglichen, von geistiger Arbeit zu leben. Heute aber, so Lessig, begünstige es die Falschen, nämlich nicht die Autoren, sondern Verlage und andere Verbreiter von wissenschaftlichen Werken. Im Grunde aber seien diese Wissensmittler im digitalen Zeitalter überflüssig geworden, so Lessig."
Die OA-Bewegung, so die Autorin, steckt in gewisser Weise fest, weswegen sie in der Aktion Aaron Swartz' eine eindeutig symbolische Handlung erkennt:
"Tatsächlich nutzt die Wissenschaftsgemeinde die Möglichkeiten, unter freien Lizenzen zu publizieren und ihre Arbeitsergebnisse der Allgemeinheit zugänglich zu machen, wenig. Zwar gibt es inzwischen gerade in den Naturwissenschaften auch Open-Access-Zeitschriften, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft gut akzeptiert werden. Immer noch treten aber nach Schätzungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) 99 Prozent der Wissenschaftler ihre Rechte vollständig an Verlage ab."
Im Artikel werden zwei miteinander zusammenwirkende bremsende Faktoren angesprochen: die Interessen der intermediären Akteure sowie die Rechtslage, die diesen entsprechend weitreichende Kontrollinstrumente zur Regulierung des Zugangs zu den Inhalten zur Verfügung stellt. Dazu addiert sich drittens der Faktor der konkreten Publikationskonventionen in den Wissenschaften. Und hier gerät die Autorin etwas ins Unscharfe. Denn wenn sie schreibt:
"Noch immer sind es die renommierten analogen Zeitschriften, die den größten „Impact“ haben, also vom Fachpublikum vorrangig wahrgenommen werden."
dann ist "analog" verkehrt. Alle wichtigen Journals dürften heute mindestens parallel als e-Journal vorliegen. Die digital vermittelte Wissenschaft ist im Gegensatz zur OA-basierten Wissenschaftskommunikation weithin etabliert, wie gerade der aktuelle Fall der JSTOR-Downloads zeigt. Doch bedeutender als dieser Lapsus ist der Hinweis auf die aktuelle Diskussion um den Dritten Korb, mit dem Anna Sauerbrey ihren Beitrag schließt:
"Einen möglichen Ausweg [=eine Etablierung von Open Access] sehen sowohl die DFG als auch Till Kreutzer in der Einführung eines Zweitverwertungsrechts für wissenschaftliche Autoren. Nach einer Karenzzeit, etwa nach einem halben Jahr, sollen sie das Recht erhalten, ihr Werk auf anderen Wegen und zu anderen Bedingungen erneut zu veröffentlichen. Der Vorschlag hat gute Chancen, in die dritte Novelle des deutschen Urheberrechts einzugehen, die derzeit im Justizministerium vorbereitet wird. Ob er in dieser Legislaturperiode verabschiedet wird, ist allerdings noch unklar."
Darüber, wie gut die Chancen tatsächlich stehen, ist freilich von Außen nur zu mutmaßen. Und dass die Open-Access-Bewegung – wie auch immer man sie abgrenzen mag – Lawrence Lessig nicht durchgängig als "Messias" ansieht und ihre Entstehungsgeschichte vielschichtiger ist, als der Artikel suggeriert, ist auch klar. Dennoch ist es für den Fortgang der Urheberrechtsreform ohne Zweifel gut und wichtig, dass die für das Wissenschaftsurheberrecht zentrale Diskussion zu diesem Thema auch immer wieder in der allgemeinen Tagespresse aufgegriffen wird und damit in einen öffentlicheren Diskurs jenseits des "Dickicht[s] der Ministerialbürokratie und Interessenkonflikte" eintritt.
Der Text im Tagesspiegel: Nur langsam mehr Freiheit des Wissens
(bk)
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