Zu den Folgen unbeschrankter Nutzungsbedingungen in der Wissenschaft. Ein Kommentar zu Alexander Skipis.

I

Die Sendung Hintergrund des Deutschlandfunks hatte gestern Abend das Thema Urheberrecht zum Thema. Den konkreten Anlass bildet der anstehende „Brüsseler Urheberrechtsgipfel zum fairen Umgang mit geistigem Eigentum“. Abstrakt steht dahinter freilich die seit nun vielleicht schon einem Jahrzehnt virulente Frage, wie sich digitale Reproduktions- und Distributionstechniken mit den jeweiligen Vorstellung von Urheberrechtsschutz und Nutzungsmöglichkeiten so abgleichen lassen, dass möglichst niemandem aus dem urheberrechtlichen Basisdreieck Urheber –Verwerter – Nutzer ein allzu großer Verzicht abverlangt wird.

Die Reform heißt Dritter Korb und Gabor Paal hat für seine umfängliche Sendung eine breite Palette von Problemstellungen angerissen, die sich im Internet ergeben. Zum Thema Bildung und Wissenschaft entdeckt man abgesehen von dem Verweis auf die jüngsten Fälle von Promotionsplagiaten (Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin) nichts direktes, aber die an das Ende gesetzte Äußerung des geschäftsführenden Direktors am Max-Planck-Institut für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht, Reto Hilty, lässt sich nahtlos in die Argumentationslinie einfügen, dass ein Urheberrechtsgesetz in Einheitsgröße den pluralisierten Schöpfungs-, Verwertungs- und Nutzungspraxen des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht wird:

„Also ich glaube nicht, dass es am Schluss eine Welt geben wird, sondern es gibt wahrscheinlich mehrere Welten nebeneinander. Und je unglücklicher sich die Industrie verhält, desto eher wird sie vermutlich überrollt werden von neuen Geschäftsmodellen oder illegalem Verhalten. Aber letzten Endes überlebt halt derjenige, der sich am besten verhält und am zukunftsträchtigsten und auch letzten Endes das tut für den Preis, den der Verbraucher am Schluss bezahlen will.“

II

Auf irights.info kommt heute ein Vertreter dieser Industrie (also den Verwertern) zu Wort. Alexander Skipis repräsentiert den Börsenverein des Deutschen Buchhandels und dürfte Reto Hiltys Auffassung nicht unbedingt folgen. Jedenfalls kritisiert er deutlich die wenigen, nach Nutzungskontext differenzierenden Bestandteile des Urheberrechtsgesetzes. Nämlich die Urheberrechtsschranken:

„Buch- und Hörbuchverlage sehen sich zunehmend durch Internetpiraterie, aber auch durch gesetzliche Schrankenregelungen, die aus Nutzersicht einen Kauf der Verlagsprodukte entbehrlich machen, in ihren Geschäftsmodellen bedroht.“

Man kann nun darum streiten, wie angemessen es ist, Schrankenregelungen und Internetpiraterie in einen Satz zu verwenden. Aus Sicht des Börsenvereins ist sicher jeder nicht erfolgte Kauf ein Verlust.

Unbeachtet bleibt natürlich die Tatsache, dass nicht jeder im Zuge der Schrankenregelungen nutzbar gewordene Inhalt am Ende in seiner kostenpflichtigen Form genutzt worden wäre. Das muss nicht einmal handlungsrational nachvollziehbare Gründe haben (Kostenreduktion), sondern kann schlicht daran liegen, dass die Ressourcen fehlen, um vollumfänglichen Zugang zu allen Inhalten nach den bestehenden Geschäftsmodellen der Verwerter realisierbar wäre.

Dabei könnte sich ein weitreichender Zugang auch für die Verwerter als vorteilhaft herausstellen. Im Internet verrechnet man häufig den Nutzen der Bekanntheit durch niedrigschwellige Verbreitung mit entgangenen Einnahmen, die über Maßnahmen wie Paywalls zu erzielen gewesen wären. Wo das Gleichgewicht liegt, weiß momentan niemand, aber am saisonalen Changieren zwischen beiden Extremen in der Presselandschaft lässt sich die Suche nach einer entsprechenden Balance sehr gut beobachten. Es geht also um das Verhältnis von Streuung und Kontrolle. Viel Streuung, so könnte man meinen, erhöht die Bekanntheit und damit die Absatzmöglichkeiten.

Andererseits lauert auf beiden Seiten Gefahr: Zuviel Zugang kann bestehende Geschäftsmodelle grundsätzlich in Frage stellen, da niemand mehr bezahlt. Wer dann keine Alternative hat, wird – sh. Reto Hiltys Aussage – Probleme mit dem Bestehen am Markt haben. Zuviel Kontrolle bei zu vielen Alternativen kann dazu führen, dass Produkte langfristig ignoriert wird. Auch hier ist die Existenz gefährdet.

Aktuell scheint das Handlungsziel der Verwertungsindustrien zu großen Teilen daraufhin zu zielen, eventuelle Alternativen (Aggregatoren, Open Access, Urheberrechtsschranken) massiv auch rechtlich zu behindern. Wenn sie aber den Zuspruch ihrer traditionellen Zulieferer – also den Urhebern – verlieren, sind sie an dieser Stelle handlungsunfähig. Denn der Urheber kann zur Not auch entscheiden, dass er seine Inhalte ohne diese Mediatoren oder mithilfe anderer Verteilungs- und Vermarktungsinstanzen publiziert bekommt. Wo er ohne Honorar arbeitet und obendrein Urheber und Nutzer in einem ist, z.B.in der Regel in der Wissenschaft, wird er dafür natürlich anfälliger, als an anderen Stellen.

III

Und vielleicht hat er auch gute Gründe für diese Anfälligkeit, die sich beispielsweise aus einem Willen zur Abgrenzung zu bestimmten Tendenzen im Verwertermainstream ableiten. Alexander Skipis liefert mit seiner Perspektive für Wissenschaft und Bildung eigentlich Anlass genug:

„Idealerweise sollte der Gesetzgeber anstelle der Ausweitung gesetzlicher Schranken im Bildungsbereich durch die Beschneidung bestehender Schranken dafür sorgen, dass vermehrt privates Kapital in die Schaffung attraktiver digitaler Inhalte für Schüler, Studenten und Wissenschaftler fließen kann.“

Die Schranken, so Skipis‘ Argument, behinderten die Entwicklung von entsprechenden Angeboten. Dass die Literaturversorgung in Bildung und Wissenschaft nicht funktioniert (bzw. nicht „attraktiv“ genug ist), läge demnach daran, dass sich nicht genug Geld in diesem Bereich verdienen lässt. Ein bisschen zweideutig drückt er sich dabei aus, denn er spricht sich für eine Eingrenzung der Bildungsschranken aus und für attraktivere Angebote auch für Wissenschaftler.

In der Tat kann man beide Schrankenbereiche schwer trennen, gerade wenn man an Universitäten denkt. Wo sonst eine Differenzierung hochnotwendig erscheint, ist es an dieser Stelle schwer, die Fäden weiter aufzudröseln. Die Kernaussage der Forderung nach einer Beschneidung bestehender Schranken spricht natürlich einer noch weiter gehenden Öffnung auch der Wissenschaftskommunikation für Marktakteure Wort.

Stammt man nun aus der aktiven Wissenschaft, lässt sich dieser Vorwurf mangelnder Attraktivität nicht ganz nachvollziehen. In der Regel kann man mit den bestehenden Publikationsstrukturen recht zufrieden sein und wo etwas fehlt, lässt sich wenigstens bei den Zeitschriftenwissenschaften entweder auf OA-Basis oder selbst per kurzem Draht zu den einschlägigen Wissenschaftsverlagen vergleichsweise einfach eine neue Publikationsplattform ins Leben rufen. Meistens sind die Wissenschaftsverlage aber agil und geschäftstüchtig genug, selbst vorausschauend in schneller Folge Versuchstitel auf mögliche Lücken anzubieten.

IV

Was (nach wie vor) häufig übersehen wird, ist dass in der Wissenschaft in Bezug auf seine Aushängekette für Autoren und Medienunternehmen, deren Aufgabe es sei, so Skipis, „hochwertige Inhalte zu kreieren bzw. zu veredeln und marktfähig zu machen“, andere Rahmenbedingungen vorliegen, als beispielsweise beim Publikumssortiment. Die Erzeugung hochwertiger Inhalte obliegt in der Wissenschaft natürlich auch irgendwie dem persönlichen Vermögen des Autors. Allerdings dürfen erfahrungsgemäß alle Wissenschaftler publizieren, wenn nur die kommunizierte Erkenntnis den gängigen wissenschaftlichen Maßstäben entspricht.

Originelle Erkenntnisproduktion hat entsprechend vorwiegend etwas mit den Arbeitsbedingungen an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu tun. Abgesehen davon, dass überzogene Preise für Zeitschriftenabonnements seit vielleicht zwei Jahrzehnten die Kenntnisnahme anderer wissenschaftlicher Erkenntnis über die Zugänglichmachung von Inhalten durch Bibliotheken maßgeblich erschweren, sind die wissenschaftlichen Medienunternehmen an dieser Stelle wenig eingebunden.

Die Wissenschaftler schreiben bereits aus Eigenantrieb. Mitunter helfen die von den Verlagen definierten Qualifikationshürden (druckfertiges Manuskript nach den verlagseigenen Formatierungsvorgaben) den Wissenschaftsautoren ihre Inhalte auch formal noch hochwertiger zu gestalten. Das geht dann aber abzüglich der „Veredelungsleistung“ der entsprechenden Medienunternehmen. Die steht, so sie denn erbracht wird, außer Frage und wird z.B. dadurch honoriert, dass die Zeitschrift ein außerordentlich hohes Renommee in der Community genießt, sie also als unverzichtbar gilt und auch bei Budgetkürzungen von der Bibliothek nicht abbestellt wird.

Zumeist ist es im wissenschaftlichen Verlagswesen wie bei Polohemden mittlerer Preisklasse: Schnitt und Material sind gleich, aber der zusätzliche Einstick mit dem reitenden Polospieler, den drei Streifen oder dem Swoosh sorgt dafür, dass dasselbe Produkt aus derselben Fabrik einen symbolisch vermittelten höheren Status genießt. Die eigentliche und entscheidende Veredelungsleistung der Wissenschaftsverlage liegt denn auch im Branding und den damit verbundenen Filtereffekten, die durchaus im übergeordneten Rahmen sinnvoll sein können. Zumal wenn die Markenpflege über die Zielgruppe selbst gestaltet wird, die Wissenschaft die Label also wieder zur internen Qualitätsbewertung heranzieht.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt nicht wenige vor allem mittelständige Wissenschaftsverlage besonders in Deutschland, die zusätzlich ein seriöses Lektorat, ein gutes Marketing und eine qualitativ hochwertige Produktausgestaltung bieten. Besonders die Wissenschaftsmonographie kann in Deutschland einen sehr hohen Standard erfüllen. Ein blinder Fleck der Open-Access-Bewegung war es sicherlich, dieses Faktum und die dahinterstehenden Ressentiments der entsprechenden Fachgemeinschaften nicht ernst genug zu nehmen. Diesen buchbasierten Wissenschaften ist ihr Angebot oft bereits in Druckform attraktiv genug. Nicht alles muss über Nacht ins Digitale umgekrempelt werden. Auch hier ist folglich Differenzierung nötig. Inwieweit Bildungs- und Wissenschaftsschranken an dieser Stelle negativ wirken (Stichwort: „Tod des Lehrbuchs“) wird bekanntlich aktuell an verschiedenen Stellen verhandelt. Entsprechend ist Alexander Skipis Bemerkung zweifellos vor dem Hintergrund dieser Prozesse zu lesen, wobei die in diesem Zuge erfolgenden Debatten sicherlich auf den Dritten Korb überschwappen sollen.)

Bleibt der Aspekt der „Marktbefähigung“. Und hier dringt man geradewegs in die Diskussion ein, ob die Wissenschaftskommunikation ein Markt ist, der marktwirtschaftlich funktionieren kann. Immerhin profitieren Wissenschaftler wenigstens mittelbar bei der Ressourcenverteilung von als hochrelevant bewerteten Publikation z.B. in Journals mit einem hohen Impact Factor. Aus der wissenschaftssoziologischen Perspektive liegt auf der Hand, dass das akteursgebundene Meritensammeln knallharten ökonomischen Prozessen unterliegt und Phänomene wie der Matthäus-Effekt nicht umsonst bibliometrische Allgemeinplätze darstellen.

V

Aus der wissenschaftsethischen Perspektive, die nach wie vor von einer wertfreien Erkenntnisproduktion zum Wohle der Gemeinschaft (die die Wissenschaft zu großen Teil stützt und gerade als von marktwirtschaftlichen Wettbewerbsdruck befreiten Handlungsraum finanziert) ist eine solche Sicht zwangsläufig problematisch.

Entsprechend sollte eine innerwissenschaftliche Debatte auch immer die Frage berühren, wie sinnvoll es ist (oder wäre), Entscheidungen zur Ressourcenverteilung vor allem über Wettbewerbskriterien und –annahmen zu fällen. Bekanntlich demontiert man aus solchen Gründen in England gerade die Geisteswissenschaften und selbst die liberalisierungsfreudigsten Akteure im Börsenverein dürften solchen Tendenzen skeptisch gegenüberstehen, bricht doch damit ein nicht geringer Absatzmarkt für das Verlagswesen weg. Ein extrawissenschaftliches Assessment wissenschaftlicher Qualität kann als Kontrollinstanz zweckmäßig sein. Man muss aber immer auch die Interessen der dahinter stehenden Akteure transparent halten.

Und noch ein weiterer Aspekt erscheint mit besonders in Hinblick auf Bildungsschranken sehr wichtig: Die Bildungs- und Wissenschaftsschranken ermöglichen ein Grundmaß an sozialer Durchlässigkeit bei der Teilhabe an Bildung und Wissenschaft, das gesellschaftlich ebenfalls nach wie vor als erstrebenswert angesehen wird. Wo die Kosten für den Zugang abseits der Schranken weder über entsprechende Gebühren oder privat durch die Studierenden erbracht werden können, entsteht eine Ungleichheit. Neben der generellen ethischen Notwendigkeit stellt sich auch die Frage, inwieweit eine solche Tendenz volkswirtschaftlich sinnvoll ist.

Die Urheberrechtsschranken erfüllen also durchaus eine Funktion für das Gemeinwohl, die sich nicht mit kurzsichtigen Argumenten wie der zitierten Aussage von Alexander Skipis aushebeln lassen sollte. Aus informationsethischer Sicht ist die allgemeine Zugänglichhaltung auch digitaler Inhalte für Bildung und Wissenschaft unverzichtbar.

VI

Es besteht kein Zweifel darüber, dass die Urheberrechtsschranken in der vorliegenden Form einer Verfeinerung bedürfen. Sie jedoch mit dem trivialen neoliberalen Gedanken zurückschneiden zu wollen, dass der Markt es schon richten wird, wenn er denn eine völlige Handlungsvollmacht ausgestellt bekommt, führt auf einen unglückliche Bahn, auf der weitaus mehr verloren gehen könnte, als die zusätzlichen Einnahmen der Medienindustrie gesamtgesellschaftlich jemals aufwiegen könnten. Vor allem ginge eine solche Alternativlosigkeit in der Wissenschaft auch auf Kosten der Urheber.

Denn entweder sie radikalisieren sich gegen die Verlage und publizieren an den klassischen Verwerterindustrien direkt vorbei, nehmen dabei aber vorerst in Kauf, nicht mit dem Hintergrund eines gewissen Impact Factors, also unter einem bestimmten Markensignet als qualitativ besonders wertvoll rezipiert zu werden.

Oder sie publizieren innerhalb der bestehenden Strukturen, die aber ohne Schranken bei erwartbar gleichbleibenden Budgets für die Verfügbarmachung über Bibliotheken an Reichweite verlieren dürften. Sie werden vielleicht als Titelangaben zitiert, eine breite Auseinandersetzung mit den eigentlichen Inhalten in Lehre und Forschung könnte aber, wie bei hohen Zugangshürden üblich, nachhaltig erschwert werden. Auch dadurch könnte langfristig der eigentliche Impact des Wissenschaftlers entscheidend Schaden nehmen.

Es ist begreiflich, dass Alexander Skipis als Lobbyist im Sinne seiner Lobby aushandeln muss, was er nur aushandeln kann. Es ist auch sinnvoll, in öffentlichen Stellungnahmen wie der bei irights.info nachzulesen, wie die Uhren momentan an den entsprechenden Stellen des Börsenvereins ticken. Angesichts der Tatsache, dass er mit der Forderung nach einer Beschneidung der Schranken seine Rechnung wenigstens in der Wissenschaft gleich ohne beide Wirte (Autoren und Nutzer, die meist in Personalunion auftreten) macht, gewinnt man den Eindruck, dass sie ein wenig neben ihrer Zeit liegen. Denn ein Verlagslobbyist, der seine Lobby bei den Urhebern und Kunden gefährdet, hilft auch seiner Interessengruppe nur in sehr beschränktem Umfang weiter.